Mit Hansi auf der Piste
Der Hobby-Skifahrer und der zweifache Ex-Weltmeister: Einen Tag lang fuhr
SUPERillu-Vize Stefan Kobus Ski mit Hansi Hinterseer in Kitzbühel.
Es war im Juli letzten Jahres, als SUPERillu Hansi
Hinterseer zum ersten Mal in seiner Heimatstadt Kitzbühel besuchte. Bei
der Abreise habe ich gefeixt: „Hansi, im Winter komme ich zum Skifahren. Dann
zeigst du mir, wie’s richtig geht ...“ Tja - Hansi hat mich beim Wort genommen.
Und nun sitze ich gemeinsam mit unserem Fotografen Nikola
Kuzmanic neben diesem Ski-Idol im Lift, und ehrlich gestanden ist mir
schon ein bisschen mulmig. Als mittelmäßiger Hobby-Skifahrer kann ich mich doch
nur blamieren ...
Heimspiel
Schon in der Gondel der Hahnenkamm-Bahn fängt Hansi an zu erzählen. Seine
Augen leuchten - er ist in seinem Element: die Berge, das Skifahren, der Schnee.
„Guckt, da oben scheint schon die Sonne. Das wird ein herrlicher Tag. Und jetzt
haben wir die Piste noch für uns allein. Die Touristen kommen alle erst gegen
zehn.“ Später erzählt er uns, dass er jeden Morgen um halb neun mit dem ersten
Lift nach oben fährt, wenn er zu Hause ist. Frühsport à la Hinterseer. Als
ehemaliger Weltcupsieger (1973) muss er in den Skigebieten in Tirol keinen
Skipass mehr kaufen, darf jede Anlage gratis nutzen - lebenslang, versteht sich.
Topfit Dann sind wir endlich oben. Die Sonne
blinzelt durch den Frühnebel, Neuschnee glitzert. Hansi lacht: „Top-Wetter, seht
ihr?“ und stößt sich schwungvoll mit seinen Stöcken ab. „Auf geht’s!“ Dann
wedelt er mit einer Leichtigkeit davon, dass man grün vor Neid werden möchte.
Zur Erinnerung - der Mann ist kürzlich 54 Jahre alt geworden! Und immer noch
topfit: Nach zwei, drei Abfahrten brennen meine Oberschenkel, mein Knie zwackt
und die dünne Höhenluft macht mich kurzatmig - aber Hansi kennt kein Pardon.
„Komm, da hinten, da hat’s ’nen Superschnee!“ Und weg ist er ... Immer wieder
blickt er sich um, schaut nach uns. Und ruft uns seine Tipps zu: „Gut so, aber
mehr in die Knie, runter mit dir. Richtig rein, dann geht das wie von selbst!“
Zum Beweis, dass er Recht hat, zeigt er uns Flachlandtirolern noch mal, wie es
wirklich geht - in einem Tempo, bei dem einem schon vom Hinsehen schwindlig
wird.
Gedanken Im Lift wird aus dem Skilehrer der
Fremdenführer: „Guckt, da unten ist Kitzbühel, da hinten, das ist der Wilde
Kaiser. Und da, da ist die Streif (weltberühmte Abfahrtsstrecke in Kitzbühel, d.
Red.).“ Der sonst eher schüchterne und zurückhaltende Hansi ist in seinem
Element - selten habe ich ihn so locker und gelöst erlebt. Und so gesprächig:
„Wisst ihr, ihr Journalisten amüsiert euch ja oft über die angebliche »Heile
Welt«, von der ich singe. Natürlich ist das hier keine heile Welt, auch wir
haben unsere Probleme. Aber ich sage immer: Das hier ist eine heilende Welt.
Wenn’s mir schlecht geht, fahr ich hier hoch, schau mich um, atme tief durch -
und es geht wieder besser ...“ Strahlend blauer Himmel, Pulverschnee, das
atemberaubende Pa-norama - ich verstehe, was er meint. Dann stößt Hansi mit
seinem Stock gegen meinen Ski: „Du fährst auch so moderne Carver. Pass auf, wenn
du die Dinger nicht beherrschst, werden die zur Bombe und fegen dir die Beine
weg. Wegen der extremen Taillierung haut’s die Teile richtig raus beim Sturz.
Die Folge: immer mehr Bänderverletzungen.“ So eine Ansprache auf 1500 Metern
Höhe macht Mut. Ich gucke rüber: Hansi hat »normale« Riesenslalom-Ski an den
Füßen ...
Kindheit Kurz darauf fahren wir an der
Seidlalm vorbei. Hier ist Hansi aufgewachsen - direkt an der Piste. Urplötzlich
grinst er: „Stefan, ich erzähl dir was. Als kleiner Bub hab ich am Nachmittag
immer die Skifahrer geärgert, die vor der Talabfahrt noch bei uns eingekehrt
sind. Wenn du von der Seidlalm losfährst, musst du da diesen Stich runter.
Während die drin saßen und getrunken und gefeiert haben, hab ich draußen mit
Schnee auf diesem Stich eine kleine Schanze gebaut. Man hat sie kaum gesehen -
aber gespürt! Dann hab ich mich versteckt und zugeguckt, wie die Leut dann
ahnungslos über meine Schanze gesprungen sind.“ Dann schreckt das Rattern eines
Rettungsshubschraubers ihn aus den Kindheitserinnerungen: „Schon wieder ein
Unfall. Das passiert fast täglich. Die Leut sind so unvernünftig: Sie rasen, sie
trinken zu viel, sie fahren abseits der Pisten. Die Menschen haben viel zu wenig
Respekt vor dem Berg - dabei war der viel früher da.“ Dann sagt er mit ernster
Stimme: „Und im Zweifel ist der Berg immer der Stärkere
...“
Finale Es wird Zeit für die Talabfahrt. Hansi
muss noch ins Tonstudio nach München, außerdem laufen die Vorbereitungen für
seine Tournee auf Hochtouren: „Okay, das habt ihr super gemacht. Dafür gibt’s
jetzt noch ’ne Überraschung zum Abschluss ...“ Mir schwant Übles, als ich auf
die Pistenbeschilderungen blicke: Streif, steht da. Und - Danger (engl. für
Gefahr): 70 Prozent Gefälle! Hansi ignoriert die Beschilderung, winkt uns heran,
als wir zögern: „Hierher.“ Dann stehen wir auf der Streif! Über uns die
Mausefalle, unter uns die Hausbergkante. Die Namen dieser halsbrecherischen
Streckenabschnitte - und auch die spektakulären Stürze - kennt man aus dem
Fernsehen. Wenn man aber drauf steht, wirken sie irgendwie noch
bedrohlicher...
Mutprobe Bis zu 140 Stundenkilometer
schnell werden die Skistars beim Abfahrtsrennen auf der Streif. Ich, so schwöre
ich mir bei dem Anblick einer der gefährlichsten Abfahrten der Welt, fahre da
noch nicht mal mit 10 km/h runter. Doch Herr Hinterseer ist andrer Meinung:
„Fahrt mir genau nach, bleibt in meiner Spur, ich bring euch heil hier runter.“
Die Alternative wäre, den Berg zu Fuß wieder hochzukraxeln. Liebe Leser, glauben
Sie mir, ich habe mir die Entscheidung nicht leicht
gemacht!
Stolz 1,46 Minuten hat Hansi 1974 bei seinem
Slalom-Sieg auf der Streif gebraucht. Mit uns beiden im Schlepptau dauert das
Stück Streif schätzungsweise zehnmal so lange - aber er bringt uns wirklich heil
runter. Ich bin fix und fertig und klatschnass geschwitzt. Und verdammt
stolz. Wer kann schon als Laie von sich behaupten, mit dem berühmten Skistar
Hinterseer die Streif runtergefahren zu sein?
Text:
Stefan KobusLetztes © Nikola/SUERillu
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